Erzählungen aus dem Uhland-Viertel
Donnerstag 09 Mai 1985, in: 1985
 80 Bücher in 15 Jahren mit einer Auflage von über einer Million Exemplaren - für den Werkkreis Literatur sind diese .Jubiläen" Anlaß genug, seine Reihe "Tatort Arbeitsplatz" in einer bundesweiten Drei-Wochen-Tournee vorzustellen. Gestern machte der Literaten-Bus Station an der Akazien-Straße. Zu Lesungen und Musik hatte die Ruhrwerkstadt in die Gaststätte Hafkesbrink eingeladen. Mit Eberhard Kirchhoff ergriff zu Beginn ein ehemaliger Oberhausener das Wort, meinte entschuldigend, daß ein plötzliches Bremsmanöver seine Manuskripte durcheinander gewirbelt habe. Doch aus dem Stapel fischte er dann zwei Manuskripte, die beim jungen Publikum gut ankamen. "Charly sein Vater" kam zu Wort, klärte, daß hinter dem "Rüstungswahnsinn" doch Methode stecke, im Manöver ausgehobene Massengräber durchaus für den eventualen Ernstfall gedacht seien, und man halt auch bei der Waffentechnologie mit der Zeit gehen müsse.
Seine Geschichten aus dem Uhland-Viertel, wo Kirchhoff einige Zeit mit Schülern arbeitete, weckten bei manchen Jugendlichen Erinnerungen. Nein, Bolle, der beim Osterfeld 06 in der Kreisliga Libero spielte, kannten sie zwar nicht, und wußten auch nicht, daß er um Haaresbreite wegen eines Den-liktes bestraft worden wäre, das er nicht begangen hatte. doch die plastische Schilderung des Milieus schien an Vertrautes zu erinnern.
Ein anderer der 300 Werkkreis-Autoren ist Herbert Henseler. In "Tatort" schilderte er den Jugendlichen, was einem Arbeitnehmer zustoßen kann, der - zu häufig krank - den reibungslosen Betriebsablauf gefährdet. Eindringlich beschrieb Henseler, daß Bemühungen, nach "überdurchschnittlichen Fehlzeiten" verlorenes Terrain
durch besonderen Arbeitsfleiß wieder gutzumachen, das endgültige "Aus" bedeuten können. Eine Werksarzt-Untersuchung, die keine war und dennoch für den weiteren Arbeitseinsatz zur Grundlage genommen wird, ein Darmgeschwür und ein Hausarzt, der meinte, trotz zwei Millionen Arbeitslosen dem Ungelernten einen Arbeitsplatzwechsel empfehlen zu müssen, stehen in Henslers "Tatort" kennzeichnend für den unausweichlich erscheinenden Weg in die Arbeitslosigkeit.
Duisburger Blues von Michael Zachcial und Texte des Berliner "Paukers" Uli Land run-deten ein Programm, das bei den Jugendlichen großen Bei-fall fand.
NRZ, Oberhausen, 9. Mai 1985

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