Frankreichreise 1984
Donnerstag 26 Juli 1984, in: Pressestimmen
Annäherung wurde literarische und auch musikalisch vollzogen - Zehn Mitglieder der Literatur-Werkstatt Gummersbach entdeckten Frankreich auf ungewöhnliche Weise
Gummersbach/La-Roche-sur-Yon. Gummersbach hat sie wieder, die Gruppe von zehn jungen Mitgliedern der Literatur-Werkstatt Gummersbach. Die Jungen Literaten hatten sich auf eine ungewöhnliche Studienreise, die unter dem Motto "Annäherung" stand, quer durch Frankreich begeben. Nach dieser 16tägigen Reise, die per Bahn, per Fahrrad, größtenteils aber per Anhalter durchgeführt wurde, ist die Gruppe der Literaturwerkstatt mit vielen Erlebnissen, Eindrücken und um manche Erfahrungen reicher wieder in Gummersbach "gelandet" (die OVZ veröffentlichte bereits einen Zwischenbericht über die Reise).
Die Idee zu dieser Studienreise, für die bewußt eine alternative Form gesucht worden war, war der Müllenbacher Schriftsteller und Mitglied der Literaturwerkstatt Gummers-bach Harry Böseke. Der be-rühmte "zündende Funke" war dabei von dem Hinweisschild an der Kreuzung Bergischer Hof, das auf die Entfernung zur Gummersbacher französischen Partnerstadt La-Roche-sur-Yon (1100 km) aufmerksam macht Harry Böseke: "Der nackte Hinweis auf die Entfernung zwischen den beiden Partnerstädten brachte mich auf die Idee, einmal zu erkunden, was wirklich an Kultur zwischen Gummersbach und La-Roche-sur-Yon liegt"
Und die von Harry Böseke in der Literaturwerkstatt vorgetragene Idee, auf diese Weise einmal Frankreich, die Leute, die Kultur und die Mentalität kennenzulernen, fand sofort die entsprechende Begeisterung. Um Land und Leute nicht aus der Distanz eines "normalen" Durchreisenden kennen zu lernen, wählten die jungen Literaten bewusst "langsame Verkehrsmittel. Für die Reise quer durch Frankreich mit Ziel La-Roche-sur-Yon wurde ebenfalls bewußt genügend Zeit angesetzt, um dem Motto "Annäherung mit Frankreich" gerecht werden zu können.
Hat die Gruppe der jungen Oberberger dieses selbstgesteckte Ziel erreicht, haben sich die Erwartungen erfüllt, welche Eindrücke waren am eindruckvollsten, welches Bild gewannen die zehn jungen Leute von den Franzosen? Für Harry Böseke ist es nicht leicht, diese Fragen auf Anhieb umfassend zu beantworten, zu sehr steht der 34jährige Schriftsteller und seine Begleiter noch unter den mannigfachen Erlebnissen und Begegnungen: "Es wird sicherlich Wochen und Monate dauern, bis wir diese Reise, die ihren Anspruch, nämlich die Annäherung an Frankreich und die Franzosen, sicherlich erfüllt hat, richtig "verdaut haben." Natürlich soll die Verarbeitung bei den Mitgliedern der Literatur-Werkstatt literarisch in Gedicht- und Geschichtenform erfolgen. Harry Böseke: "Wir beabsichtigen, diese anschliessend in einem Buch zu veröffentlichen."
Die erste Station der Reise war Saarbrücken, wo die Gummersbacher mit einer Straßenlesung erstmals die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich lenkten. Harry Böseke und seine Freunde ("Wichtig war bei dieser Reise natürlich auch, daß wir nicht nur fremde Menschen kennen lernten, sondern auch innerhalb der Gruppe eine echte Annäherung stattfand.") stießen während der gesamten Reise mit ihren Straßenlesungen, die stets musikalisch auf Gitarre begleitet wurden, auf große Resonanz und Interesse.
Dazu trugen auch die in französischer Sprache verfassten Handzettel bei, in denen d1e "friedliche Absicht" dieser Studienreise betont wurde "In Nancy regnete es buchstäblich Geld aus den Fenstern, als wir mit unseren Lied- und Textvorträgen uns am Marktbrunnen aufstellten", erzählt Harry Böseke von einem Erlebnis, bei dem die keineswegs prall gefüllte Reisekasse eine unerwartete "Auffrischung" fand.
Zielpunkt der 16tägigen Reise — über die einzelnen Etappen und Erlebnisse der jungen Gummersbacher berichtete die OVZ bereits am 17. Juli "Gummersbacher Gruppe bei der "Annäherung" an die Partnerstadt" — war schliesslich La-Roche-sur-Yon, die französische Partnerstadt Gummersbachs. Der erste Eindruck, so schildert Harry Böseke die Ankunft am Sonntagabend, "war nicht gerade positiv, denn wir fanden am Sonntagabend kaum ein offenes Restaurant, um unseren Hunger zu stillen". Dies sollte sich aber schon bald ändern, denn das Städtepartnerschaftskomitee hatte sich alle erdenklichen Mühen gemacht, den jungen Gummersbachern einen angenehmen Aufenthalt in La Roche zu bereiten.
Neben einem Empfang im Rathaus und einer Stadtrundfahrt standen besonders die Begegnungen mit Schriftstellern und anderen Künstlern aus La-Roche-sur-Yon und der Provinz Vendee im Vordergrund. Natürlich wurden auch bei diesem Zusammentreffen zwischen den Gummersbacher Literaten und ihren französischen Kollegen Erfahrungen, Texte und Lieder ausgetauscht. Obwohl es auch bei diesem Treffen mit der sprachlichen Kommunikation etwas haperte, gab es keine Verständigungsprobleme. Dies war für Harry Böseke überhaupt eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Reise: "Die Musik, unsere Texte und der Wille, zur friedlichen Völkerverständigung beizutragen waren in erster Linie unsere Verständigungsmittel."
Für die Rückreise von La-Roche-sur-Yon nach Gummersbach wählte die Reisegruppe dann den etwas schnelleren — und bequemeren — Weg: mit dem Zug.
VON DIETER LANGE. Oberbergische Volkszeitung, 26. Juli 1984
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